eLearning und informationelle Selbstbestimmung

Jahrelang haben wir, die Protagonisten des eLearning, uns den Mund fusselig geredet, wie toll das doch ist, wenn Alle miteinander lernen können. Kommunikation via Internet sei grenzenlos und schnell. Dann kamen die MOOCs und Social Learning und die Grenzen der LMS wurden gesprengt. Lernen und studieren in Facebookgruppen, Verabredungen via Twitter und WhatsApp. Wo wer ist, signalisiert Foursquare.
Toll, nicht wahr?

Vor Snowden kam bei mir schon einmal die Frage auf: „Sind wir alle digitale Exhibitionisten?“ und auf dem ColCamp 2012 diskutierten wir darüber. Etwa zum gleichen Zeitpunkt tauchte Learning Analytics, das das Lernverhalten von Studierenden untersucht, in meiner Timeline auf. Wissenschaftlich gesehen sicher interessant, aber ein leichtes Unbehagen stieg dennoch in mir auf.
Dann kam Snowden.

Zu meinem Erstaunen bewegte das in der eLearning-Szene nichts. Mir kommt es sogar so vor, dass die Begeisterung für die sogn. Web2.0-Tools gerade richtig Fahrt aufnimmt. Zur Zeit läuft ein offener Online-Kurs der Uni Frankfurt zu gerade diesem Thema. Ich muss gestehen, dass ich einigermaßen entsetzt über einen Beitrag war, in welchem das Lernen via Facebook-Gruppen in den schönsten, schillernsten Farben geschildert wurde. Bin ich schon dem Verfolgungswahn verfallen?

Für alle Bildungsanbieter (Schulen, Universitäten, Weiterbildungsinstitute, VHS …) sollte spätestens jetzt die wichtigste Aufgabe darin bestehen, überwachungsfreie, „abhörsichere“ Lernräume zu schaffen. Zeit für transparente, verständlich Angaben dazu, welche Daten wo und wie lange gespeichert werden sowie, welche Auswertungen gemacht werden und welche Schlüsse daraus gezogen werden. Zwischenfrage: Welche Daten geben die Unis eigentlich an die diversen Dienste weiter?
Können wir heute eigentlich guten Gewissens einen cMOOC anbieten?

Es gibt bereits viele Beispiele, die uns darauf aufmerksam machen sollten, dass die Überwachung und die daraus gezogenen Schlüsse uns alle betreffen:

Über eines sollten wir uns im Klaren sein, die Liste wird scheller wachsen, als uns lieb ist. (Nur mal so zur Info: „Andere Länder, andere Sitten“ https://digitalcourage.de/blog/2014/andere-laender-andere-ueberwachung-das-beispiel-indien )

Zu Facebook: Gestern gelesen, dass Facebook nun auch bald die Musik erkennt, die die Nutzer im Hintergrund hören:

  • Person liest gerade Marcuse und hört Highway to Heaven und befindet sich in seiner Wohnung. Um 22:00 Uhr bricht die Musik ab und Freund kommt dazu (wenn Musik erkannt wird, wird die Stimmerkennung nicht lange auf sich warten lassen.
    Und alles wird zum Profil hinzugefügt.

Ob es nun Facebook, oder die tollen Tools von Google sind, ist egal, ich denke, wir sollten uns ganz schnell und intensiv Gedanken darüber machen, wie die informationelle Selbstbestimmung der Lernenden garantiert werden kann. Zur Not zunächst einmal zurück ins LMS

Schade, waren eigentlich eine tolle Idee, die Web 2.0-Tools 🙁

3 Gedanken zu “eLearning und informationelle Selbstbestimmung

  1. Hallo,

    @ Lore Reß:
    Genau die Frage nach der informationellen Selbstbestimmung spricht mir aus der Seele. Wir bezahlen die Nutzung der „kostenlosen“ Web2.0-Tools mit unseren Daten, die doch ziemlich kostbar für uns sein sollten! Im realen Leben zieren wir uns Unbekannten gegenüber freizügig Namen, Adresse, Vorlieben usw. preiszugeben. Digital geben wir dank entsprechender Nutzungsbedingungen von WEb2.0Tools alles preis. Dafür müssen wir nichts tun – das erledigen die Anbieter von Web2.0 für uns und viele Nutzer merken es gar nicht, wie sie sich digital ausziehen lassen. Die Enstscheidung ist für viele schon lange gefallen: Bequemlichkeit steht vor dem Schutz der eigenen Daten. Ärgerlich ist dabei nur, dass beispielsweise in Adressbüchern, die ausgelesen werden, auch Daten von Personen preisgegeben werden, die hierzu gar keine Nutzungbestimmung angenommen haben, weil sie das Tool selbst gar nicht nutzen.

    Für mich stellt zusätzlich die Frage, ob Lehrende wirklich „dort“ sein müssen, wo Lernende ihre (Frei-) Zeit verbringen – z. B. in Facebook. Gibt es nicht auch andere Möglichkeiten, Lernende zu erreichen? Auch darüber könnte mehr diskutiert werden.

    @Thomas Seidel:
    In Baden-Württemberg kostet für einen berufliche Schule eine Moodleinstanz bei Belwue (= Wissenschaftnetz in Ba-Wü) 180,00 € pro Jahr mit uneingeschränkter Userzahl. Der Server steht meines Wissens in Stuttgart und dort wird hoffentlich das deutsche bzw. europäische Datenschutzrecht Anwendung finden.
    Jede Schule muss in ihrem Verfahrensverzeichnis dokumentieren, welche personenbez. Daten in Moodle verwendet werden. Wenn wir wollen, sind sicherere Lösungen doch da!

    In Ba-Wü gibt es eine Handreichung zum Einsatz von Social Media in Schulen:
    http://lehrerfortbildung-bw.de/sueb/recht/ds_neu/soziale_netze/der_einsatz_von_sozialen_netzwerken_an_schulen_final.pdf
    Aus anderen Bundesländern kenne ich keine vergleichbare Veröffentlichung. Dies verstehe ich nicht, da sich die Landesdatenschutzgesetze doch ziemlich ähneln und auch die Schüler in anderen Bundesländern ein Recht auf Informationelle Selbstbestimmung haben, das sich schließlich aus unserem Grundgesetz ableitet.

    Zu Dropbox:
    Ist es denn so sicher, dass Dropbox nicht selbst die Inhalte scannt – oder vielleicht auch andere die Inhalte scannen?!

    Sonja Gerber aus der Nähe von Heidelberg

  2. Pingback: “eLearning und informationellen Selbstbestimmung” – ein interesanter Diskussionbeitrag von Lore Reß |

  3. Hallo,
    danke, dass du diese Gedanken mal formuliert hast. Ich mache mir da als Lehrer ebenso Sorgen. Zunächst war ich sehr für ein LMS (geschlossene Gruppen), dann im Zuge der Zeit für eine Öffnung nach außen („nicht alles verstecken im LMS“). Allerdings ist man mit Google ja nicht „offen“ nach außen, sondern wieder in einem System. Als Lehrer finde ich es bedenklich, Schüler an solche geschlossenen Systeme, die eindeutig kommerziell ausgerichtet sind, heranzuführen.
    Dropbox als „Einbahnstraße“ (Dokumente zum Download anbieten), geht da noch. Keiner muss sich anmelden, keiner hinterlässt Daten bei Dropbox (außer vielleicht die ip der Schul-PC mit den entsprechenden Aktivitäten).
    Deinen Gedanken, „wieder zurück zum LMS“? finde ich daher sehr interessant. Es müsste dann aber ein „Edu“-LMS sein, oder eine offizielle amtliche Cloudlösung. Auch ein LMS-Anbieter, der die Daten nicht auswertet wäre interessant (ist aber meist zu teuer für Schulen). Daher wird ja viel von uns Lehrkräften herumgebastelt. Und aus Geldnot werden „kostenlose“ Lösungen vorgezogen. Und für die informationelle Selbstbestimmung der Schülerinnen und Schüler tragen wir als Lehrkräfte ja auch mit eine Verantwortung, wenn wir da etwas im schulischen Kontext anbieten.
    Thomas aus Berlin